Abbau kleinfamilärer Struktur

Die Umsetzung dieses Grundsatzes hat eine leichter beschreibbare – strukturelle – Seite und eine viel schwerer zu beschreibende, nämlich die der individuellen Veränderungen.

Ökonomisch-emanzipatorische Aspekte
Strukturell haben wir einiges zu bieten:

–   Durch unsere Handhabung der gemeinsamen Ökonomie und die (formelle) Gleichbewertung von Arbeit verhindern wir die gesellschaftlich nach wie vor vorherrschende Rollenverteilung zwischen Ernährer und Hausfrau, zwischen höher bewerteter „produktiver“ und niedriger bewerteter „reproduktiver“ Arbeit.
–   Die Kindergruppe und die Küche sind eigenständige, vollwertige Arbeitsbereiche und schaffen den Eltern/Erziehenden Freiräume für ihre Arbeit/Freizeit.
–   Prinzipiell wird Kinderbetreuung als Arbeitszeit anerkannt.

Trotzdem begleiten uns auf individueller Ebene die für die kleinfamiliären Strukturen verantwortlichen patriarchal-kapital­istischen Mechanismen in uns auch weiterhin. Diesbezüglich gibt es ab und zu Diskussionen und positive Entwicklungen.

Wohn- und Beziehungsaspekte
Derzeit gibt es 16  Wohngruppen, darunter zwei Lesben/Frauen-Wohngruppen und eine Männer-WG. In vier Wohngruppen wohnen Pärchen oder Familien für sich. Die Größe der Wohngruppen ist sehr unterschiedlich, von zwei bis sieben Erwachsenen und null bis fünf Kindern.

Die Unterteilung in Wohngruppen erweist sich, wie im Grundsatz­papier angenommen, als gute strukturelle Ansatzmöglichkeit, unseren kleinfamiliären Strukturen zu begegnen. Wobei sich unsere Schwierigkeiten nicht grundsätzlich von den in der Gesellschaft üblichen unterscheiden: Wir haben auch mit Eifersucht, Angst vor Liebes­entzug und Ablehnung, Macht- und Besitzdenken in Zweier­beziehungen (und in der Gesamtgruppe) zu kämpfen.

Wie jedoch die idealen Beziehungsstrukturen der Erwachsenen untereinander und die zwischen Erwachsenen und Kindern aussehen könnten, darüber gibt es nur selten eine Diskussion mit allen Kommu­nar­dInnen. Ob Kinder sehr enge Bezüge zu ihren Eltern brauchen oder lieber viele möglichst gleichberechtigte Kontaktpersonen, ob die Zweier­beziehung Teil der Lösung oder Teil des Problems ist und welche anderen Beziehungsformen anstrebenswert und lebbar sind …; zu all diesen Fragen gibt es bei uns unterschiedliche Meinungen und Realitäten. Dementsprechend leben wir hier entweder in mehr oder weniger festen Zweierbeziehungen, Mehrfachbeziehungen oder solo. Es gibt heterosexuelle und homosexuelle Beziehungen.

Neben den intimen Beziehungsstrukturen sind in der Kommune alle in ein vielfältiges Netz von Beziehungen mit den anderen verstrickt; Arbeitsbereiche, Wohngruppen, Plenums­kleingruppen, Arbeitsgruppen, Spül- und Kochgruppen, Essenssituationen etc. – ständig begegnen wir einander, setzen uns in Beziehung oder grenzen uns ab, erleben unseren Frust und unsere Freude, unsere Macken, Schwächen und Stärken. Da ergeben sich selbstverständlich eine Menge Konflikte, Rei­bun­gen, Ausein­ander­setzungen, trifft doch jedeR auch auf andere, die ihn/sie durch ihr Verhalten unbewusst genau an den empfindlichsten Punkten treffen.

Diese persönlichen Konflikte, sei es im Arbeitsbereich, in der Wohn­gruppe oder sonstwo, sind meist die schwierigsten, langwierigsten und schmerzvollsten Probleme in der Kommune – nicht etwa Ausein­andersetzungen um gemeinsame Ökonomie oder Konsens, wie die meisten Außenstehenden vermuten. Häufig spiegeln sich in diesen Auseinandersetzungen auch gesellschaftliche Konflikte wieder, tragen wir doch alle aus unserer Sozialisation gesellschaftliche Bewertungen wie bzgl. Qualifikationen oder Arbeitsmoral etc. in uns und bringen geschlechtsspezifisch geprägtes Rollenverhalten und Reaktions­muster mit.

Zur Konfliktbewältigung werden manchmal nicht direkt betroffene KommunardInnen hinzugezogen. Dazu haben wir seit Sommer 2000 ein Schlichtungsgremium eingerichtet.

Seit Ende 2002 gibt es zeitweise Gruppen von Menschen, die sich regelmäßig treffen, um Gewaltfreie Kommunikation zu üben. Ein Ansatz, den viele von uns sehr hilfreich finden, um in Situationen, in denen unterschiedliche Interessen und Sichtweisen aufeinander prallen in einem konstruktiven Kontakt zu bleiben. Er ermöglicht einen Weg, Störungen so zu kommunizieren, dass in gegenseitiger Achtung und Wertschätzung Lösungen gefunden werden können, die die Bedürfnisse aller berücksichtigen.

Nach mehrjähriger Pause gibt es wieder eine MRT-Gruppe. MRT ist eine therapeutische Selbsthilfegruppe für Männer.  Seit zwei Jahren gibt es nun auch eine gemischte RT oder auch Queer-RT-Gruppe, die aus Leuten aus allen vier Gemeinschaften und dem befreundeten Umfeld besteht.

 

Auszug aus dem Ergänzungspapier
(Fassung aus dem Jahr 2014)